Verfasst von: Patrick | 2009/03/28

Schmerzen wegmachen

Nervstimulator - Copyright M. Ansorena

Ich weiß nicht wie es anderen Anästhesisten geht, aber ich stoße immer wieder auf Chirurgen, die eine diebische Freude daran haben zu verkünden, dass „damals in der guten alten Zeit“ ja der Chirurg, der am schlechtesten operieren konnte die Narkose machen musste. Meistens handelt es sich dabei um etwas ältere Kollegen, oder aber um Assistenzärzte, die vor drei Tagen angefangen haben. Ich habe mir angewöhnt darauf zu antworten, dass ich das auch toll finde. Allem voran die Tatsache, dass damals (in der guten alten Zeit) die Zahl der Patienten, die a) das Ende der OP nicht mehr erlebt oder b) die gesamte OP bewusst miterlebt haben, deutlich höher war. Zwar ist b) besser als a), aber Spaß macht das auch nicht. Ich gehe davon aus, dass es für die meisten Chirurgen schon angenehmer ist, wenn der Patient stillhält, keine Schmerzen hat und hinterher auch nicht alle Gespräche wiedergeben kann.

Es gibt mehrere Möglichkeiten dieses Ziel zu erreichen. In den vergangenen Wochen war ich hauptsächlich bei den Orthopäden und den Handchirurgen und hatte so die Möglichkeit relativ viele Plexusanästhesien zu legen. Die Grundidee dabei ist die gleiche wie bei einer Spinal- oder einer Epiduralanästhesie. Ein Lokalbetäubungsmittel wird nahe an ein Nervenbündel gespritzt, um alles was sich unterhalb dieser Stelle befindet lahm zu legen. Vor allem am Arm bietet sich ein Plexus an, weil man in dieser Höhe mit einer Spinalen etwas übers Ziel hinausschießen würde 😉 . Da man die Nerven von außen leider nicht sehen kann, muss man sich etwas ausdenken um mit der Nadel möglichst nah ran zu kommen. Die herkömmliche Methode ist die Stimulation mit Strom. Man sticht mit einer isolierten Nadel, an die ein Nervenstimulator angeschlossen ist, ein und versucht beispielsweise den Arm zum Zucken zu bringen. Die Einstichstelle muss man sich an Hand von anatomischen „Landmarken“ suchen. Hat man den Nerv gefunden, reduziert man den Stromfluss aus dem Stimulator. Hat man auch bei einem sehr niedrigen Strom noch eine Muskelreaktion ist man nahe genug dran und man kann das Lokalanästhetikum spritzen. Der Nachteil dieses Verfahrens ist, das man nicht genau sieht was man tut. Man hat wenig Kontrolle darüber was passiert nachdem man angefangen hat zu spritzen, weil dann die Stimulation sofort aufhört. In meiner Abteilung haben wir, d.h. eigentlich nur ein Kollege von mir, gerade damit angefangen Plexusbetäubungen mit Hilfe von Ultraschall zu legen. „And that’s a whole new ballgame“. Man kann genau sehen wo die Nerven liegen, unter Sichtkontrolle die Nadel bis an den Plexus heranführen und dann auch noch sehen ob das Medikament dahin kommt wo man es haben will oder schlicht und ergreifend „wegfließt“. In diesem Fall kann man die Lage der Nadel korrigieren und neu spritzen. Dadurch kommt man mit deutlich weniger Lokalanästhetikum aus und hat eine höhere Erfolgsquote. Dummerweise müssen wir momentan noch jedes Mal ein Sonogerät bei den Thoraxanästhesisten klauen, weil das Budget für ein eigenes irgendwie in der Wirtschaftskrise verschwunden ist. Mein persönliches Problem ist, dass ich das räumliche Vorstellungsvermögen eines Toastbrotes habe und Ultraschall für mich zu den echten Geheimnissen dieser Welt gehört. Aber man hat ja Zeit… Manchmal ist es etwas schwierig Patienten zu erklären, dass man ihnen eine „elektrische Nadel“ in den Hals rammen will, aber die meisten lassen sich von den Vorteilen überzeugen. Diejenigen die schon mal eine Regionalanästhesie hatten und nun wieder einen ähnlichen Eingriff vor sich haben sind oft begeistert wenn man ihnen wieder einen Plexus vorschlägt. Ab nächster Woche bin ich dann in einem anderen Zentral-OP und werde allgemeinchirurgische, urologische und gynäkologische Patienten betreuen.

Sollte jemand größeres Interesse an Regionalanästhesie haben, empfehle ich http://www.nysora.com eine sehr schöne Internetseite zum diesem Thema. Hier gibt es ausführliche Beschreibungen aller gängigen Nervenblockaden in Stimulator- und Ultraschalltechnik mit Fotos und teilweise auch kleinen Filmchen.

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Responses

  1. Hallo,

    um dich zu weiteren Einträgen zu motivieren, schreibe ich dir mal einen Kommentar. Bin nämlich gespannt, was du so aus Schweden berichten wirst.
    Das mit der Langeweile im OP kann aber auch nur von ‘nem Narkotiseur kommen. 😉
    Ich selbst kann als Mitglied des Fußvolks (OTA) aus dem OP nicht über Langeweile klagen. Vor allem wenn ich das Narkosegerät für die lieben Kollegen hin und her schieben darf, damit die Anästhesie auch auf der richtigen Seite platznehmen kann.

    Gruß, Julia


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