Verfasst von: Patrick | 2009/05/10

Ridealong

ambulans_vllMontag und Dienstag habe ich nicht gearbeitet, sondern bin im Rettungsdienst mitgefahren. Zum einen war es ganz lustig mal aus der Klinik raus zu kommen, zum anderen liegen im Rettungsdienst meine medizinischen Wurzeln (um es mal etwas pathetisch auszudrücken). Ich habe 1993 als Zivi im Rettungsdienst angefangen und dann doch nicht Architektur studiert. Danach bin ich irgendwie nicht davon losgekommen und elf Jahre lang Rettungsdienst gefahren, eine Tätigkeit, die mich durch mein Medizinstudium gerettet hat, ohne diese „Realität“ hätte ich bestimmt hingeschmissen.
Es war sehr interessant zu sehen wie in Schweden prähospital gearbeitet wird, weil die Unterschiede im Vergleich zu Deutschland doch sehr gross sind. Ich fange mit der Ausbildung an. Rettungsdienstmitarbeiter in Schweden haben eine dreijährige Grundausbildung als Krankenpflegekraft („sjuksköterska“), gefolgt von einem einjährigen „Upgrade“ zur „ambulanssjuksköterska“. Das bedeutet, dass in Schweden alle in der Rettung Tätigen einen breiten pflegerischen Background haben, viele sind darüber hinaus auch noch Fachpflegekraft Anästhesie oder arbeiten 50% in der Notaufnahme. In Schweden gibt es so gut wie keine Notärzte, hier im Norden gibt es zwei arztbesetzte Hubschrauber in Lycksele und Gällivare, weiter südlich noch welche in Stockholm, Uppsala und Göteborg. Vereinzelt gibt es im Süden auch NEF, aber meines Wissens nach nicht mehr als drei oder vier. Das bedeutet, dass im Grunde keine oder kaum Ärzte im Rettungsdienst arbeiten, dementsprechend sind die Kompetenzen des Rettungsdienstpersonals auch andere als in Deutschland. Entsprechend vorgegebener Richtlinien dürfen sie routinemässig Medikamente geben, intubieren usw.
Am ersten Tag war es geradezu erschreckend ruhig, eine Fahrt am Vormittag, eine Schenkelhalsfraktur im Altenheim. So etwa ab halb elf hat mir dann jeder auf der Wache gesagt, dass es eigentlich ungewöhnlich ruhig sei, ab 14 Uhr meinten dann alle dass es beängstigend wäre. Am Dienstag ging es dann aber direkt um sieben zur Sache: „hjärtstopp“, also Herzstillstand. Dieser Einsatz zeigte auch gleich die Besonderheiten Schwedens, denn die Anfahrt war ganze 32km lang, was natürlich bei einer Reanimation keine gute Voraussetzung ist. Ein „hjärtstopp“ ist ein „två-bils-larm“, d.h. ein Einsatz für zwei Fahrzeuge um mehr Personal zu Verfügung zu haben. In diesem Fall war es so, dass der Einsatzort etwa in der Mitte zwischen zwei Wachen lag und so zwei Rettungswagen mit langer Anfahrt anrückten. Bei unserem Eintreffen hatte die Besatzung aus einer der Aussenwachen schon mit der Reanimation begonnen. Der schwer herzkranke Patient war plötzlich kollabiert und die Ehefrau hatte nach Anleitung durch die Rettungsleitstelle mit der Laienrea angefangen. Nach etwa 30min CPR durch den Rettungsdienst telefonierte eine der ersteingetroffenen Kolleginnen mit dem Dienst habenden Internisten in der Notaufnahme in der Klinik, schilderte in allen Details die Situation und die erhobene Anamnese und bekam dann das O.K. zum Abbruch. Ich hatte mich schon im Vorfeld gefragt wie in solchen Situationen Verfahren wird, weil in dies Deutschland ja meine Aufgabe als Notarzt war. Ich denke diese Situation ist nie einfach, egal in welchem System man arbeitet. Für mich war es aber schon irgendwie merkwürdig, dass jemand diese Entscheidung trifft, der nicht vor Ort ist, der sich auf einen telefonischen Bericht und ein per Datenfunk übertragenes EKG verlassen muss. Ich will damit keineswegs Kompetenzen in Frage stellen, aber ich merke eben wie sehr mich die vergangenen 16 Jahre deutsche Medizin geprägt haben. Direkt von diesem Einsatz Ort fuhren wir weitere 40 km weit in den Zuständigkeitsbereich des Rettungswagens der Aussenwache, dessen Besatzung zunächst bei der Ehefrau des verstorbenen Patienten verblieb, zu einem 60jährigen Patienten mit Brustschmerzen und Atembeschwerden. Auch hier bekam ich schwedische Besonderheiten demonstriert. Es wurde eigentlich nichts direkt vor Ort unternommen. Der Patient wurde auf die Trage gelegt, angeschnallt… Abfahrt. Alle Maßnahmen, die ich bisher im Schlaf-, Wohn- oder Woauchimmer-Zimmer durchgeführt habe, kamen jetzt so nach und nach bei Tempo 140 an die Reihe. Blutdruck, Puls, EKG und venöser Zugang, all das wurde jetzt auf engstem Raum (die Schweden verwenden andere Fahrzeuge im Rettungsdienst) an den Patienten gepuzzelt. Das erscheint zunächst befremdlich, aber bei über 70km Fahrtstrecke zur Klinik und einer dünnen Fahrzeugabdeckung aber auch irgendwie verständlich. Der Patient erhielt auf Grund seine Brustschmerzen zunächst etwas Nitrospray, das auch prompt die gewünschte Wirkung zeigte. Als die „basics“ erledigt waren, sendete Josefine, die Sanitäterin, das EKG in die Notaufnahme  und telefonierte anschließend mit dem zuständigen Arzt. Hier zeigten sich jetzt Vorteile der hier herrschenden Infrastruktur, die ich später mal genauer erklären werde. Aus der Klinik heraus hat man Zugriff auf die komplette elektronische Krankenakte eines Patienten. Der Arzt in der Notaufnahme hatte so die Möglichkeit das von uns neu geschriebene 12-Kanal-EKG mit älteren vom Hausarzt vergleichen und konnte uns mitteilen, dass die EKG-Veränderungen vorbestehend waren. So etwas hätte ich mir als Notarzt oft gewünscht. Jetzt blieb nur noch alles in den im Rettungswagen installierten Rechner zu hacken. In der Klinik wurden wir von einem gut informierten Team erwartet und unser Protokoll war dank Datenfunk auch schon da, ganz ohne Papier.

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Responses

  1. Hej Hej,
    Danke für deinen tollen Beitrag war echt interressant zu lesen, vor allem da meine Freundin und ich schon seit einiger Zeit vorhaben Nach Schweden Auszuwandern. Ich bin Examinierte Plegekraft und in Deutschland im Rettungsdienst tätig habe mich bis dato aber noch nicht mit der Schwedischen Materie befasst von daher war dein Beitrag sehr interressant für mich.

    Hejdo

    Dustin


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