Verfasst von: Patrick | 2009/06/02

Veterinärnarkosen

wenn's mal etwas länger dauert...

Es fing an mit einer völlig normalen Narkose in der Neurochirurgie, ein VP-Shunt-Wechsel, nichts Aufregendes, Standard sozusagen. Der Patient etwa Ende 40 und etwa 90kg schwer, dies verteilt auf knapp ein Meter neunzig. Für den weiteren Verlauf der Geschichte ist es interessant zu wissen, dass er zwei Psychopharmaka als Dauermedikation bekommt. Ansonsten ist er im Wesentlichen gesund, gut trainiert und hat einen herrlichen Humor. Die Anästhesie-Schwester und ich einigen uns darauf, dass Sie den Luftweg übernimmt und ich die Medikamente gebe. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass das der blödere von beiden Jobs werden würde. Ich fange also, wie üblich mit Fentanyl an, 0,1mg, für den Durchschnittsschweden eine normale Portion (man braucht hier etwas weniger, normalerweise zumindest…) um kurz darauf 500mg Thiopenthal zum Schlafen zu geben, eine normale Einleitungsdosis für einen großen Mann. Das Problem ist nur, dass der Gute sich danach noch mit uns unterhält, fließend. Da ich blöderweise kein Thiopenthal mehr im Saal habe gebe ich noch mal 0,1mg Fentanyl und mache dann mit Propofol weiter. 50mg, 100mg, 150mg (das alleine reicht sonst für einen normalgewichtigen, ausgewachsenen Menschen), da schläft er tatsächlich ein, atmet aber brav weiter und bewegt die Hände, 200mg, 250mg, 350mg, er schnarcht mit einem Zugvolumen von 670ml und kratzt sich gelegentlich an der Nase. 400mg, 500mg, Kratzen, Strecken, Gähnen… langsam keimt Verzweiflung in uns auf und ich habe das Gefühl Vollmilch zu spritzen, 600mg, wenigstens hört er jetzt mit dem Kratzen auf, Schnarchen tut er weiterhin, vielleicht etwas leiser. Was zum Geier treibt dieser Mann in seiner Freizeit?!? Jetzt bestellen wir uns Thiopental nach, schließlich müssen wir diesem Gehirn zeigen wo der Hammer hängt, mit uns legt man sich nicht an. Nachdem wir noch mal eine anständige Erwachsenendosis drüber gegossen haben ist er endlich soweit sich beatmen zu lassen. Weil das Ganze aber so lustig war braucht er dann auch noch die doppelte Dosis Relaxans, man gönnt sich ja sonst nichts.
Er war aber auch nett zu uns, der Blutdruck ging kein einziges Mal unter 110, beeindruckend…
Ich frage mich was die im Zoo in diese Blasrohre tun…?

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Responses

  1. 0,2 Fenta sind schon etwas wenig für so ein “Pferd” 😉 Dem hätte ich 0,4-0,5 verpasst.

    • Das ist einer der interessanten Unterschiede zwischen Deutschland und Schweden. 0,2mg Fenta sind hier die “Pferdedosis”… einen Durchnittsschweden kann man durchaus mit 0,05 bis 0,1mg einleiten. Keine Ahnung ob das mit dem niedrigeren Alkoholkonsum oder sonstwas zu tun hat, aber es funktioniert einwandfrei.

  2. Warum seit ihr nicht auf die roten Ampullen der Schlafmilch umgestiegen,,, da hätte man zumindest was das Volumen angeht nur die Hälfte benötigt!

    • Die gibt es hier wegen der Verwechslungsgefahr nicht im OP sondern nur auf der Intensiv und soooo gross war das Volumen ja auch nicht. Oder meinst Du das Foto, das war eine andere Narkose… so eine “ich bin gleich fertig”-Geschichte der HNO-ler…

  3. Hi,

    man verwendet mit dem Blasrohr Hellabrunner Mischung, das hat eine hohe Sicherheit kombiniert mit einem geringen Volumen, zumal das Ketamin in der Xylazin-Trockensubstanz gelöst wird. Guckstu http://de.wikipedia.org/wiki/Hellabrunner_Mischung

    Allerdings bevorzugt jeder Tierarzt eine Anästhesie, die eine Spontanatmung bestehen lässt. So ein Elefant lässt sich halt auch nicht so ganz komplikationslos beatmen 😉 )

    Von daher sind wir als speziesverwandte Anästhesisten auch nicht darauf angewiesen, dass unsere Patienten für eine Intubation oder eine Inhalationsanästhesie selbständige Atemfunktionen einstellen – eine eher beunruhigende Vorstellung… manchmal kommt das unbeabsichtigt vor und dann steht man da und beatmet den Leguan noch mal ein paar Stunden, bis er endgültig wach ist… intubiert mit einer rosa Braunüle… kein so schöner Job…

    best regards
    Daniela
    *real doctors work on more than one species*


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