Verfasst von: Patrick | 2009/07/06

mumindalen

mumindalenAls ich vor vielen Jahren anfing Medizin zu studieren stand für mich eigentlich fest Anästhesist werden zu wollen. Die Fachrichtung war ein beliebtes Thema unter den Erstsemestern und viele hatten eine gewisse Vorstellung von dem was sie mal machen wollten. Die meisten sagten: “Ich mache das, oder was mit Kindern…“, das war bei mir nicht anders und hielt sich eine ganze Weile. Als meine erste Tochter geboren wurde hat sich die Perspektive etwas verändert, ich wurde deutlich empfindlicher wenn es um Kinder und Krankheiten ging. Heute, mit drei Töchtern ist das nicht anders, im Gegenteil, es ist noch viel schlimmer geworden. In den vergangenen zwei Wochen hatte ich mehrfach die Aufsicht über „mumindalen“. Das ist eine Außenstelle in der in der Regel invasive Untersuchungen an Kindern in Kurznarkose durchgeführt werden, hauptsächlich sind das Knochenmarkbiopsien. Der Raum ist sehr bunt, es gibt viele Stofftiere und an einer Wand ist ein großes Gemälde vom Tal der Mumins, daher der Name des Raumes. Ich denke, dass ich mich an das was hier geschieht niemals gewöhnen werde. Letzte Woche habe ich dort ein fünfjähriges Mädchen betäubt. Mitte vergangenen Jahres hatte Sie ihre abschliessende Leukämiebehandlung, alles schien in Ordnung und nun hat sie wieder Symptome. Es war schlicht fürchterlich gemeinsam mit den Eltern dieses Kind zu überreden sich die Maske vors Gesicht halten zu lassen. Die Verzweiflung in den Gesichtern der Eltern, die versucht haben für ihre Tochter die „alles wird gut“-Fassade aufrecht zu erhalten obwohl sie panisch vor Angst waren, war schrecklich mit anzusehen. Ich habe in den vergangen fünf Jahren als Arzt und in den vielen Jahren davor im Rettungsdienst viel Mist gesehen und, ohne angeberisch klingen zu wollen, es ist wirklich so, dass man sich an vieles gewöhnt und lernt mit vielem umzugehen, aber hier ist für mich die Grenze erreicht. Ich bewundere Menschen, die jeden Tag mit schwerkranken Kindern arbeiten und dann nach Hause zu ihren eigenen gehen ohne völlig wahnsinnig vor Angst zu werden. Mir ist unerklärlich wie man es schafft diese innere Stärke aufzubauen. „Irgendwas mit Kindern“ beinhaltet eben wesentlich mehr als nur Freude und Pflasteraufkleben, die Form von Leid die einem hier begegnen kann hat für mich eine eigene Dimension. Ich versuche nicht diesen Situationen aus dem Weg zu gehen indem ich solche Aufgaben meide, aber ich stelle fest, dass sie mir näher gehen als viele andere Dinge und dass es vieles gibt, was ich lieber tue. Vergangene Woche hat es zum Beispiel sehr gut getan als Ausgleich zu „mumindalen“ an zwölf Geburten beteiligt gewesen zu sein, entweder mit einem PDK zur normalen Entbindung oder mit einer Spinalen zum Kaiserschnitt. Es ist sehr schön an soviel Glück beteiligt zu sein, auch wenn man nur wenig dazu beiträgt.

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Responses

  1. kann ich SEHR GUT nachempfinden! hier auch: drei kinder, und bereits im studium hab ich einen großen bogen um alles gemacht, was mit kranken kindern zu tun hat!
    ich bekomm ja schon die krise, wenn einer von den dreien krank ist, denn – medizinertypisch – denk ich bei hufgetrappel keineswegs an pferde, sondern eher an zebras. zumindest, was den nachwuchs anbetrifft…

    und ja, in der geburtshilfe geht es auch um kinder – aber aus DEM alter sind meine dann doch schon eine ganz weile heraus. und schwanger werd ich in diesem leben auch nicht mehr… 😉

  2. Die Angst der Eltern geht unter die Haut. Sichtbar wird dies für einen selbst erst, wenn man selbst Kinder hat. Wenn man in kritischen Situationen nur kurz an die eigenen denkt, hat man schnell keine Distanz mehr, souverän zu handeln. Ein (Kinder)Anästhesist

  3. Das klingt heftig. Die Angst der Kleinen kann ich gut nachvollziehen. Sollte sie dann auch noch so eine blaue Vollgummimaske gehabt haben, ist die Präoxy wirklich eklig.
    Allerdings muss ich aber auch sagen, dass ich es toll finde, dass ihr extra für Kurznarkosen einen eigenen Bereich habt. Das sollte bei „uns“ auch mal sein. Jede Woche muss ich zum Spülen in den richtigen OP. Das ist oft sehr schwierig für mich, weil ich nicht immer an erster Stelle bin und dann eine gefühlte Ewigkeit hungern muss, weil mal wieder irgendein Notfall dazwischen kommt. Das wär‘ mal ne gute Anregung für „meine“ Klinik.


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