Verfasst von: Patrick | 2009/09/09

Von Pferden und Zebras…

Es gibt Dinge die ich einfach finde. Das mag daran liegen, dass ich „nur“ Anästhesist bin, aber ich finde es liegt viel Wahres in „keep it simple“.

Folgende Situation: eine Patientin, 42 Jahre, gesund, wurde mittags in Allgemeinanästhesie mit zusätzlicher Spinalanästhesie erfolgreich abdominell hysterektomiert. Am frühen Abend piepst mich die Station an, weil die Patientin „etwas mit dem Druck runtergeht“. Ich hab keine Ahnung warum die mich fragen, schließlich haben die ja ihren eigen Arzt im Haus, aber egal. Weil ich viel zu tun habe empfehle ich eine Voluven und sage sie sollen ihren eigenen Dienst informieren. Als ich zwei oder drei Stunden später einen PDK auf der Entbindungsabteilung lege, bekomme ich am Rande mit wie der Gynäkologiedienst hektisch irgendwelche Infusionen abholt. Wiederum eine Stunde später, ich stehe gerade vollvermummt in einem Hepatitis-C-Saal, pieps mich dann endlich der Gyn-Dienst an. Er hätte da eine Patientin, die sei etwas blass um die Nase, Druck sei niedrig, Herzfrequenz hoch, ob das an der Spinalanästhesie liegen könnte (deren Anlage zu diesem Zeitpunkt etwa acht bis neun Stunden her war). Freundlich teile ich dem Kollegen mit, dass ich das für extrem unwahrscheinlich halte und dass die Sache eher nach etwas anderem riecht. Er stimmt mir zu und bittet mich mir die Patientin vorsichtshalber anzusehen, falls wir  in den OP müssten. Da ich eine Gallenblase in der Warteschleife habe, will ich aber wissen ob ich die starten kann und da sagt er dann „besser nicht“… AHA! … aber erstmal fragen ob es an der Spinalen liegt, haha…

Nachdem ich mich dann von meinem Hep-C-Freund gelöst und die Galle erstmal gestoppt hatte, traf ich auf der Gynäkologie den Diensthabenden und seinen Hintergrund. Plötzlich war alles nur noch halb so wild. Man müsse abwarten, wir kucken mal, wir geben erstmal eine Konserve, blabla… ich könne die Galle auf alle Fälle anfangen. Dennoch gehe ich zu der Patientin und finde eine Frau vor deren Gesicht ungefähr die Farbe der Wand hinter ihr hat. Blutdruck 80/35, Herzfrequenz 130, außerdem ist ihr schlecht, soso…

Als ich ins Arztzimmer zurückkomme telefonieren die beiden Gynäkologen gerade mit meinem Kollegen auf der Intensiv, weil sie die die Dame gerne dort parken würden. Der sagt aber, dass er gerne vorher irgendwelche Diagnostik hätte, weil er abwarten doof findet. Die beiden entscheiden sich für ein CT. Daraufhin trolle ich mich weil ich noch anderes zu tun habe und sage sie sollen piepsen wenn sie mehr wissen. Allerdings riecht die Sache doch sehr nach OP. Eine Viertelstunde später ruft mich mein Intensiv-Kollege an und sagt er wäre zufällig im Röntgen gewesen und würde jetzt mit der Patientin direkt in den Saal kommen wenn wir nichts dagegen hätten, der Bauch sei randvoll mit Flüssigkeit. Was für eine Überraschung! Es waren so um die dreieinhalb Liter die schließlich im Sauger und am Boden landeten. Glücklicherweise konnten die beiden Zweifler die blutende Arterie (!) zügig finden und wir sind mit sechs EKs und zwei FFPs hingekommen. Aber das hätte man auch zu einer vernünftigen Uhrzeit haben können. Zwischendurch war es schon eine ziemlich drucklose Geschichte und ich habe doch etwas geschwitzt. Eigentlich ist der Spruch mit den Pferden und den Zebras nervig, aber hier hat er mal so richtig gepasst…

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Responses

  1. Schön, in jedem Land das gleiche … 😉


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