Verfasst von: Patrick | 2009/10/13

Seitensprung

Zur Zeit darf ich mir jeden Tag aufs Neue beweisen wie gerne ich Anästhesist bin. In Schweden ist es Teil der Facharztausbildung für sechs Monate in einer anderen Fachrichtung zu hospitieren. Viele gehen hierfür in die Kardiologie um Herzechos zu lernen, manche in die Pädiatrie auf die Neugeborenenintensiv und andere wiederum zu den Thoraxanästhesisten (die ihre eigene Abteilung haben) oder den Neurochirurgen. Das ganze heißt „sidoutbildning“, also Seitenausbildung. Mir wurde meine Notarzttätigkeit in Deutschland als solche anerkannt, da man hier diese Zeit auch bei den Akutmedizinern verbringen kann. Die Akutmediziner in Schweden entsprechen in etwa den „emergency physicians“ in den USA und betreiben die Notaufnahme. Mein Mentor und der für die Assistenzarztausbildung zuständige Oberarzt haben irgendwie errechnet, dass sie mir für meine Notarztdienste fünf Monate sidoutbildning anrechnen, shit! Das hat man davon, dass man ehrlich ist. Mir fehlt also ein Monat und mein Mentor hat kurzerhand ein Ein-Monats-Praktikum in der chirurgischen Notaufnahme organisiert. In meiner Klinik ist die Notaufnahme so organisiert, das Nachts die Akutmediziner die Patienten behandeln und tagsüber die Internisten und die Chirurgen selbst dran sind. Jawohl, richtig gelesen, Akutmediziner arbeiten hier nur nachts und das auch nur achtmal im Monat, irgendwie auch interessant, aber zurück zum Thema. Ich bin jetzt also Chirurg, juhu! Ich will deren Tätigkeit nicht schlecht reden, ganz im Gegenteil, irgendwie bin ich ja auf meine Aufschneider angewiesen, aber es ist schlicht und ergreifend nicht mein Ding. So zu arbeiten würde mich auf Dauer völlig wahnsinnig machen. Ich habe schon im PJ dieses „Patienten aufnehmen“ gehasst wie sonst noch was. Ich kann nicht mal genau sagen wieso das so ist, aber ich nehme mal an, dass ich eine extreme Abneigung gegen medizinische Administration habe und dieser Wust aus Zetteln, Anordnungen, Anmeldungen und Rumtelefoniererei einfach gegen mein Naturell verstößt. Mir ist klar, dass all dies essentieller Bestandteil des Krankenhausbetriebes ist aber ich bin heilfroh, dass ich meine Nische gefunden habe und diese annähernd (ja ich weiss, ein bisschen auf Intensiv) frei von diesem Kram ist. Momentan bekomme ich das täglich vor Augen geführt. Ich gehe fest davon aus, dass ich bis zum Ende dieses Praktikums den Programmierer unserer Stationssoftware ausfindig und niedergestreckt haben werde. Die einzigen Ausreden die ich für diese Katastrophe gelten lasse ist eine Zwangsstörung, eine schwere Klebstoffabhängigkeit oder irgendwas Vergleichbares.

Aber, einen Lichtblick hatte ich heute. Ich kann, man glaubt es kaum, noch nähen! Ich habe heute eine doppelte Quetsch-Riss-Wunde am Zeigefinger mit jeweils drei Stichen genäht und mich für das Ergebnis tatsächlich nicht geschämt. Naja, morgen noch und dann sind erstmal zwei Tage „difficult-airway“-Kurs angesagt…

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Responses

  1. Ja, unsere Nische hat was…


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