Verfasst von: Patrick | 2009/11/27

when the shit hits the fan

Schon seit längerem hatte ich vor mal einen Dienst Punkt für Punkt zu dokumentieren und hier zu posten. Ich hoffe es ist nicht zu langatmig…

18:00 – Dienstbeginn. Der abgehende Dienst informiert mich über die Dinge die momentan geplant anstehen: ein Ileus, drei Oberschenkelfrakturen und eine akute Bandscheibe.

18:05 – kaum ist mein Vorgänger in der Umkleide verschwunden werde ich angepiepst. In der Notaufnahme wartet ein Dreijähriger mit einer Hodentorsion der zeitnah operiert werden muss, ich tappel also in den Keller, spreche mit Pappa und Kind und muss dann wieder in den OP wo meine Ileus Patientin schon auf mich wartet.

18:40 – SOS-Larm, die Rettungsleitstelle informiert uns darüber, dass es im Inland, ca. 220km entfernt, zu einem schweren Verkehrsunfall gekommen ist. In Absprache mit meinem Hintergrunddienst beschließen wir den Ileus vorerst nicht zu starten, aber das Kind zu operieren

19:00 – Ich leite den Jungen mit der Hodentorsion ein. Eine schöne Narkose, der Bengel findet die Situation eher interessant als beängstigend und lässt sich problemlos mit der Sevo-Maske schlafenlegen. Bevor wir die Ileus-Patientin zurück auf Station schicken lege ich noch einen PDK um später Zeit zu sparen.

19:50 – Neues vom Verkehrsunfall. Ein PKW ist frontal mit einem Linienbus kollidiert, ein Kind und ein Erwachsener sind noch am Unfallort verstorben, ein Kind ist mit schweren Schädelverletztungen auf dem Weg zur nächsten  Vårdcentral, einem Gesundheitszentrum mit Allgemeinmedizinern, Pflegepersonal und eben auch Möglichkeiten zur Erstversorgung.  Der Notarzt, der sonst den Hubschrauber besetzt, ist wegen Schneefall mit einem Rettungswagen auf dem Weg dorthin und soll sich vor Ort mit dem Rettungsteam vom Unfall treffen. Wir beschließen die Bereitschaftsmannschaft ins Haus zu holen um ein drittes OP-Team zu Verfügung zu haben falls noch mehr passiert.

20:30 – Das zusätzliche Team ist im Haus. Vom Notarzt erfahren wir, dass der schwerverletzte Junge vor Ort intubiert wurde und nun auf dem Weg zu uns ist. Im Inland schneit es weiterhin, der Hubschrauber kann nicht fliegen und das Kind kommt mit dem Rettungswagen, 160km, alles andere als eine lustige Fahrt. Da die Hodentorsion-OP fast fertig ist und da wir nun mehr Personal haben starten wir den Ileus.

21:50 – Trauma-Alarm. Der verletzte Kind ist fast da. Das Trauma-Team sammelt sich im „akutrum“. Der Dienst habende Chirurg, der als Team-Leiter fungiert informiert alle über den aktuellen Stand, kurz darauf kommt das Rettungsteam mit unserem Patienten. Nach einem ausführlichen ATLS Durchgang steht fest, dass der Junge soweit stabil ist und wir ins CT gehen können. Im Anschluss fahren wir direkt in den OP. Details zu Verletzungen usw. werde ich nicht schreiben, ist glaube ich, auch nicht so wichtig. Irgendwann zwischendrin während wir im Schockraum stehen ruft die Anästhesieschwester aus dem Saal mit dem Ileus an und sagt dass sie so gut wie fertig seien. Ich teile ihr mit, dass sie wohl alleine wecken muss.

23:30 – Die Orthopäden vermelden, dass sie ihre OPs nach 24:00 nicht mehr starten wollen, yessssss…

02:10 – Wir machen uns auf den Weg Richtung Intensivstation. Der Junge ist soweit vorversorgt, dass man am Morgen den Rest angehen kann.

02:30 – Ich funke den „Rücken-Dienst“ an um ihn zu fragen, ob er seine „akute“ Bandscheibe gegen 03:15 starten will und, oh Wunder, er will nicht.

02:50 – Ich falle ins Bett.

03:15 – Der Aufwachraum teilt mir Gerinnungsparameter für einen Patienten mit für den ich nicht zuständig bin, das ist ein ausgelagerter Intensivpatient.

04:10 – Eine Schwangere wünscht sich einen PDK, also wanke ich Richtung Entbindung und wie sooft ist dieser Wunsch ansteckend und die Hebammen ziehen gleich noch eine zweite Schwangere aus dem Hut der ich auch noch in den Rücken stechen darf.

05:30 – Bett

06:10 – Eine Station ist so freundlich mir mitzuteilen, dass ein Patient, der fürs Tagesprogramm geplant ist, noch nicht von einem Anästhesisten gesehen wurde. Ist mir aber egal.

07:30 – Übergabe

07:45 – Ich gebe meinen Piepser und mein Diensttelefon auf Intensiv ab und sehe den Vater des verunfallten Jungen bei seinem Sohn am Bett stehen. Ein Mann, genauso alt wie ich, der in dieser Nacht seine Frau und seine Tochter verloren hat und dessen Sohn noch lange nicht über den Berg ist. Dieses Bild werde ich so schnell nicht vergessen.

08:40 – Ich falle ins Bett, diesmal mein eigenes…

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Responses

  1. Sehr toller Bericht. Und ganz und gar nicht zu langatmig. Da bekomme Ich richtig Lust mitzuarbeiten. Auch wenn es nicht jede Nacht so stressig sein muss. Aber das ist ja meistens dann doch in der Anästhesie nicht vermeidbar 😉
    Klasse. Vorallem interessant mal die Versorgungswege/Handhabungen woanders zu sehen. Wo würde bei uns ein RTW erstmal über 200 km zu einem Einsatz anfahren? Ist mir zumindest bisher nicht untergekommen.

    • Ganz so schlimm ist es mit der Anfahrt nicht. In diesem Fall war der Rettungswagen direkt vor Ort. Die Anfahrt zum nächsten Krankenhaus ist in Nordschweden eben manchmal etwas heftiger. In diesem Fall hatte man sich darauf geeinigt nicht das nächstgelegene Krankenhaus (das wären 90km gewesen) sondern direkt die Uniklinik mit Neurochirurgie anzufahren.

      Aber es stimmt schon, manchmal fahren RTW hier bedeutend längere Strecken bis zum Einsatzort als in Deutschland, soetwas wie eine gesetzlich vorgeschriebene Hilfsfrist gibt es hier nicht.

  2. Schöner Bericht, muss ich mich wohl auch bald mal hinsetzen und einen Arbeitstag aufs Papier bringen…

  3. […] Momentan sind Tagesabläufe in Mode… einen Dienst habe ich schonmal chronologisiert, hier folgt ein normaler Arbeitstag wie ihn die Kollegen […]


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