Verfasst von: Patrick | 2010/03/24

Selbstbestimmung

Einmal im Monat haben alle Assistenzärzte meiner Abteilung einen ganzen Freitag lang Fortbildung. Diese Tage teilen sich ein in: journal club, d.h. einer von uns stellt einen Artikel aus einer Fachzeitschrift vor, die er/sie „bewacht“, ein „kleines“ Thema, ca. eine Stunde Vortrag von einem Facharzt, ein „großes“ Thema, ca. vier Stunden mit Vortrag und Diskussion, auch gehalten von einem Facharzt und dann besprechen wir meist noch Berufspolitisches und Assistenzarztprobleme oder gehen auch mal früher nach Hause…

Das große Thema vergangene Woche war Ethik, das klingt jetzt erstmal etwas zäh, war es aber erstaunlicherweise nicht. Aufgezogen hat Anders, der Kollege der das Thema gehalten hat, das Ganze an mehreren Beispielen, die jeweils ein ethisches Dilemma darstellten. Zum Nachspielen: ein 62-jähriger Patient mit einer langjährigen Anamnese für pAVK, schwere COPD, starker Raucher und Trinker und insulinpflichtiger Diabetiker wird mit starken Schmerzen im Bein über die Notaufnahme eingewiesen. Der Aufnahmestatus bescheinigt dem Mann volle Zurechnungsfähigkeit. Gefäßchirurg und Orthopäde beschließen, nach den üblichen Diagnostikversuchen, dass das Bein nicht zu retten ist und empfehlen die Amputation des Unterschenkels. Der Patient lehnt dies ab. Er gibt bei klarem Verstand an, dass er die Operation nicht über sich ergehen lassen will und bereit ist die Konsequenzen, also den Tod, in Kauf zu nehmen. Nach einigen Tagen wird der Patient septisch, fällt ins Koma und landet auf der Intensivstation. Nun möchten die Chirurgen gegen den erklärten Patientenwillen amputieren. Als Argument wird eine seit langem diagnostizierte, bisher aber als harmlos eingestufte, Depression angeführt. Der konsultierende Psychiater geht da mit und macht den Weg frei. Allerdings ist der Patient mittlerweile so instabil, dass er laut Anästhesie nicht OP-fähig ist und er verstirbt am folgenden Tag… Die Fragen die sich hier auftun sind vielfältig: Darf man so handeln? Kann man sich eine Situation so zu Recht basteln wie man sie gerne haben möchte? Wenn der Patient von Anfang an psychisch instabil war, was ja die Argumentation war, warum hat man dann nicht direkt amputiert, sondern bis zur Bewusstlosigkeit gewartet? Wie ist das nun mit der Selbstbestimmung? Ich kann und will hier keine Antworten geben, aber die Diskussion die wir im Anschluss hatten war sehr interessant und drehte sich vor allem darum, wie man selbst damit umgeht wenn ein Patient eine Behandlung ablehnt. Wie so oft hat es nicht lange gedauert bis auch dieses Gespräch seinen Weg zu den Zeugen Jehovas gefunden hat, die, für alle die es nicht wissen, mit Verweis auf ihren Glauben jegliche Gabe von Blutprodukten ablehnen. Intraoperative Bluttransfusion ist Aufgabe des Anästhesisten und daher ist dies eigentlich eines der Paradebeispiele für ethische Konflikte in der Anästhesie, da ein narkotisierter Patient schlecht mit Gegenständen nach einem werfen kann wenn man mit einer Tüte Blut ankommt. Ich hatte bisher eine Handvoll dieser Patienten und in manchen Fällen hat es schon was Komisches, wenn ein Narkosegespräch für eine Leistenhernien-OP mit den Worten „mir ist alles egal, Hauptsache ich bekomme kein Blut“ beginnt. Da kann man erklären, dass das Blutungsrisiko quasi Null ist und man sowieso wartet usw. usw. und dass es ganz andere Dinge gibt über die man jetzt sprechen sollte, nein völlig egal, das Gespräch dreht sich ausschliesslich um Blut. Allerdings ist es eben auch so, dass auch Zeugen Jehovas mitunter Operationen benötigen, die mit einem massiven Blutungsrisiko einhergehen und da ist eben die Frage wie man selbst reagiert. Natürlich kann man planen. Manche Zeugen Jehovas akzeptieren Cellsaver-Blut, manche nicht, man kann auch den Eingriff ablehnen, wenn einem das Risiko zu groß erschein, aber da hat man dann eventuell wieder ein anderes ethisches Problem. Die Aussagen von Ärzten sind vielfältig und variieren von „wer verbluten will darf verbluten“ bis „bei so was würde ich nicht mitmachen, ich würde Blut geben“… Ich habe bisher nie vor so einer Entscheidung gestanden, aber der Kollege der eben diese Fortbildung gehalten hat schon. Er hat vor vielen Jahren daneben gestanden als eine junge Frau, zweifache Mutter, nach einem Kaiserschnitt und folgender atonischer Gebärmutterblutung mit Nothysterektomie auf eigenen Wunsch verblutet ist. Er und sein Kollege, der damals mit ihm Dienst hatte, sind bis heute nicht darüber hinweg, obwohl es wie gesagt lange her ist. Die Frage die mir hier gekommen ist, war: wie viele Leben darf man zu Gunsten der eigenen Selbstbestimmung ruinieren bevor es ethisch untragbar wird?

Advertisements

Responses

  1. Guter Beitrag wie ich finde und auch sehr wichtig. Die Medizin ist heute so weit, das wir fast jeden Patienten retten können. Die Frage ist aber, müssen wir das wirklich!? Meine Antwort dazu, nein müssen wir nicht.

    http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,684976,00.html

  2. So unglaublich schwierige Fragen – aber gestellt werden müssen sie.
    Ich glaube – nein, ich weiß, dass vielen Patienten die Intensivmedizin Angst macht. Nein, ich bin nicht Ärztin, aber ich hab genügend in der Familie um diese Diskussion zu kennen (5 Ärzte und 2 Schwestern).

    Und aus dieser Angst heraus wird häufig genug etwas abgelehnt, was das Leben retten könnte.

    Aber: Der Tod ist keine Strafe. Jemand „verdient“ ebensowenig zu sterben wie zu leben. Der Tod ist gehört zum Leben dazu, ohne Tod ist das Leben nicht möglich.

    Es ist ein ewiger Kreislauf und für eine Person ist dieser Teil zu Ende. Ob es ein inkrementelles Backup (via Buddhismus) oder eine einfache Sicherung (via Christentum) sein wird oder ob einfach alles von jetzt auf gleich zu ende sein wird: Wir werden es irgendwann wissen. Oder eben auch nicht 😉

    Vielleicht hilft den Kollegen aber der Gedanke, dass die Lebensgestaltung eines Menschen auch beinhaltet, dass eigene Ende zu gestalten.
    Das muss noch nicht mal rational begründbar sein, es reicht, dass jemand sich mit dem Thema beschäftigt hat und festgestellt: “ Das möchte ich. Und das nicht.“

    Aber – und auch das mag eine Hilfe sein: Ich wünsche mir Ärzte, die ihren Hintern zusammenkneifen und mich Freund Hein notfalls mit Gewalt von der Schippe ziehen. Ich wünsche mir Ärzte, für die ich nicht eine Nummer bin sondern ein Mensch und eine Persönlichkeit – die auch den Kampf für mich übernehmen, wenn ich ihn nicht selbst führen kann. Die ein „geht nicht“ nicht sofort hinnehmen.

    Und DAS haben diese Kollegen, die über den Tod nicht hinwegkommen, sehr gut gemacht.

    Und auch das mag ein Trost sein 😉


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: