Verfasst von: Patrick | 2010/03/29

Seconds of terror

Ich gebe zu, Anästhesie ist sehr viel Routine. Schlafen machen, wach machen, nächster… gleichzeitig bedeutet das aber, dass man aufpassen muss nicht in der Routine zu versinken. „Hours of boredom, minutes of thrill, seconds of terror“ – Anästhesie…

Ich hatte heute meine „seconds of terror“ in Form eines Laryngospasmus. Ein Laryngospasmus ist eine Komplikation die durch Reizung der Luftwege hervorgerufen werden kann. Ist der Patient bei der Intubation nicht „tief“ genug bzw. bei der Extubation nicht mehr richtig tief, aber auch noch nicht richtig wach, dann kann der Kehlkopf beleidigt reagieren. Kinder haben ein höheres Risiko für diese Komplikation. Einer meiner drei Säle heute war der in dem die Chirurgen kurze Eingriffe wie Gastroskopien, PEG-Anlagen, Hämorrhoiden usw. operieren. Die beiden ersten Patienten waren für PEG-Anlagen angemeldet, der erste ein Junge geboren 2009 und dann ein Mädchen, geboren 2008, beide mit Ernährungsproblemen. Die erste Narkose ist problemlos verlaufen, Maskeneinleitung mit Sevorane und dann Intubation, Ausleitung mit Extubation in tiefer Narkose in Seitenlage. Die zweite OP fing perfekt an, die Kleine schlief bereits auf dem Arm ihrer Mutter als wir die beiden in den Saal geholt haben, ich habe nur vorsichtig die Maske auf ihr Gesicht gehalten und so konnte wir einleiten ohne dass sie was mitbekommen hat, hatte ich so auch  noch nie. Die OP war unspektakulär und der Plan war genauso zu verfahren wie bei der ersten, also in ausreichender Narkosetiefe zu extubieren um dann mit Maske endgültig auszuleiten… und irgendwie habe ich da scheinbar den richtigen Moment verpasst. Unmittelbar bevor ich den Tubus gezogen habe hatte das Mädchen ganz brav spontan geatmet. Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Atmung erstmal kurz aussetzt nachdem der Reiz aus der Trachea verschwunden ist, heute allerdings hat sie dann irgendwie nicht wieder eingesetzt. Also Maske richtig drauf und beatmen, ging aber keine Luft rein, Guedeltubus dazu aber es ging  immer noch keine Luft rein und die Sättigung sank auf 80%… jetzt ging alles irgendwie sehr schnell…

…während ich weiter versuche zu beatmen bestelle ich mir eine Oberärztin und einmal Intubation… Sättigung 65%… Oberärztin ruft zurück, die OP-Schwester brüllt ins Telefon das sie sofort kommen soll… erster Intubationversuch, gute Sicht aber ich komme nicht rein… Sättigung 50%… erneute Maskenbeatmung ohne Erfolg… Sättigung 45%, Herzfrequenz stabil bei 120, trotzdem gibt es jetzt Atropin,  Sättigung 35%, Kind tieflbau… zweiter Intubationsversuch… Sättigung 28%… Tubus sitzt… uff… als die Oberärztin in den Saal stürzt  ist die Kleine wieder rosa.

Vielleicht wird jetzt der eine oder andere „alte Hase“ sagen, dass sowas ja garnicht sooo selten passiert, so heftig hatte ich es bis jetzt aber eben nicht und ich muss sagen, das ich mich hinterher, nachdem wir das Mädchen quietschfidel im Aufwachraum an ihre Mutter abgegeben hatten, doch erstmal einen Augenblick setzen musste…

Jetzt hab ich erstmal Urlaub und weil es ohne Stress nicht geht fliegen wir am Mittwoch nach Deutschland. Mit drei Kindern im Flugzeug, das kann lustig werden…

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Responses

  1. *schnappatmunghab*

    hast du zufällig mal auf die uhr geschaut? denn immer, wenn meine ctgs schlecht werden, frag ich mich, wie lange ich jetzt wohl habe, bis „mein“ kind intrauterin blau anläuft….

    gut, daß alles gut gegangen ist!

  2. Angst!

    Ich weiß schon, warum ich mich am Ende dann doch gegen die Anästhesie entschieden habe^^.

  3. Oups! Was mich interessieren würde: habt Ihr irgendwas davon der Mutter erzählt?

    • Wir hatten nüchtern betrachtet ungefähr zwei Minuten Apnoe (Atemstillstand), ohne irgendwelche Folgen. Wenn ich das der Mutter erzähle kann die unter Umständen bis zum Abi nicht mehr schlafen… wozu soll das gut sein. Diese Komplikation ist anstrengend, beeindruckend und auch beängstigend aber durchaus lösbar und auch nicht sooo selten hätte ich den leisesten Verdacht gehabt, dass irgendwas passiert sein könnte, hätte selbstverständlich berichtet was los war. Ich habe es nicht getan, nicht weil ich was vertuschen wollte, sondern weil ich keinen Sinn darin gesehen habe, die Mama die ohnehin schon ziemlich nervös war vollends kirre zu machen. Das kann man sehen wie man will, ich habe mich so entschieden.

  4. […] seconds of terror – siehe Artikel […]

  5. […] anaesthesie und laryngospasmus – fiese Sache […]


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