Verfasst von: Patrick | 2010/04/16

Welcome to paradise oder wo liegt eigentlich das Gegenteil von Bad Dingenskirchen?

Es gibt eine Menge medizinische Blogs da draussen und ich werde die, die mir gut gefallen in meine blogroll aufnehmen. Ein, in meinen Augen, echtes Juwel habe ich irgendwie jetzt erst entdeckt http://medizynicus.wordpress.com. In den vergangenen Tagen habe ich angefangen mich durch das gesamte blog zu lesen (dauert, lohnt sich aber) und dabei festgestellt, dass Medizynicus mehr oder weniger alle Missstände derentwegen ich Deutschland verlassen habe auf herrliche Art und Weise auflistet. Hierarchie, fehlende Ausbildung, fehlende Betreuung, eine vollkommen undurchschaubare Verwaltung deren einziges Ziel der Erhalt des eigenen Bürostuhls ist und eine Politik die sich jeden Tag neuen Schwachsinn ausdenkt um denen die die Arbeit erledigen sollen das Leben zur Hölle zu machen. Nun ist es nicht so, dass Schweden frei von Bürokraten oder unfähigen Vollidioten ist, aber das System als solches macht einfach mehr Sinn und ist so angelegt, dass viele der Probleme die in Deutschland Tagesgeschäft sind einfach nicht entstehen können. Es gibt zum Beispiel nur eine Krankenkasse in der alle Mitglied sind. Will jemand sich privat zusatzversichern, bitte, das geht, aber das ist wie gesagt zusätzlich, alle zahlen in die gesetzliche „försäkringskassa“ ein. Es gibt kein System wie die Kassenärztlichevereinigung (deren Sinn mir immernoch nicht bekannt ist), es gibt im Grunde keine niedergelassenen Ärzte, was auch einen Grossteil der Abrechnungs- und Überweisungsprobleme eliminiert. Es gibt Privatpraxen für die gängigsten Fachgebiete, will sagen die mit denen sich Geld verdienen lässt, die rechnen aber nicht mit der Versicherungskarte, sondern mit der Kreditkarte ab. Normalerweise ist es so, dass der erste Ansprechpartner der Allgemeinmediziner im lokalen Ärztehaus ist. Deren Aufgabenbereich ist gross und je weiter auf dem Land draussen die „Vårdcentral“ liegt, umso umfassender ist die Ausstattung. Überwiesen wird erst, wenn sich das Problem definitiv nicht vor Ort lösen lässt. Spezialisten gibt es eigentlich nur in den Kliniken, manche Spezialabteilungen nur in den wenigen grossen Unikliniken. Dementsprechend ist man als Patient unter Umständen viel unterwegs, was eine sehr ausgefeilte Logistik und viel Geduld erfordert. Dieses System scheint aber finanzierbar zu sein, schliesslich müssen nicht die Verwaltungen von 200 verschiedenen Krankenkassen mitdurchgezogen werden. Ich war schon immer der Meinung, dass ein funktionierendes Gesundheitssystem eine tüchtige Portion Staat benötigt der sich nicht von jedem dahergelaufenen „Experten“ reinreden lassen darf. Das hat auch seine Macken, aber das dürfte das geringere Übel sein…

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Responses

  1. Hmm… diese „Ärztehäuser“ klingen aber sehr nach MVZs – und genau dagegen laufen die Mediziner hierzulande ja Sturm.
    (Aus Patientensicht finde ich die Idee zwar gar nicht so schlecht, allerdings hab ich größtes Vertrauen in die deutsche Fähigkeit, auch noch das beste Konzept kaputt zu regulieren…)

  2. Ein aehnliches System gab es in der DDR, nannte sich Poliklinik und hatte durchaus seinen Charme. Vor allem finde ich den Punkt der angestellten Aerzte sehr interessant, weil damit a) ein finanzielles Risiko fuer den Arzt wegfaellt und b) auch in duenner besiedelten Gegenden eine hausaertzliche Versorgung leichter gewaehrleistet ist. Machen die schwedischen Aerzte aus den Aerztehaeusern auch Hausbesuche? Und wie sieht es mit Aerzten in Pflegeheimen aus in Schweden?

    • Hmmm, ich muss ehrlich sagen, ich habe keine Ahnung wie das mit Hausbesuchen läuft, ich denke, die werden vermieden wo es nur geht. In grossen Städten mag das anders aussehen, auf dem Land sind Hausbesuche eher schlecht durchführbar. Wie es mit Ärzten im Pflegeheim ist weiss ich nicht, gehe aber davon aus, dass die vårdcenral, in deren Einzugsbereich das Heimliegt dafür zuständig ist.

  3. hmmm. erstmal, vielen, vielen Dank für die Blumen! Habe Dein Blog auch heute erst so „richtig“ entdeckt (hast ja schon öfters mal bei mir kommentiert, ich weiß!) 🙂
    Ja, die Staatsmedizin…. das ist hier so richtig ein Reizwort, das böse S.-Wort, die Herren Kollegen springen darauf an wie der Teufel auf das Weihwasser.

    • … was man aus Sicht eines Niedergelassenen in Deutschland ja auch irgendwo nachvollziehen kann. Die Bundes- bzw. Landesregierung kümmert sich nicht und macht alles nur schlimmer. Natürlich gibt es hier auch Probleme und Ungereimtheiten, die aber der Staat als Träger des gesamten Gesundheitswesens mit sich selbst ausmachen muß. Das Geld geht hier wahrscheinlich an anderen Stellen verloren, die habe ich aber noch nicht entdeckt und solange freue ich mich über meine Arbeitszeiten und meinen phänomenalen Freizeitausgleich… 😉

  4. Hm, also die Praxiserfahrungen von in Schweden lebenden Freunden sehen nicht so rosig aus…
    – miserable Versorgung auf dem Land. Spezialisten oft nur in den Großstädten – also gehen z.B. die alten Eltern nur einmal im Jahr zum Facharzt und verbinden das mit einem Kurzurlaub in Stockholm
    – es wird viel weniger und viel später behandelt als in Deutschland
    – spezialisierte Kinderärzte sind nur für die schweren Fälle zugänglich
    – extreme Wartezeiten… jüngstes Beispiel: Mutter mit vor Schmerzen die Nacht durchgebrüllent habenden Kind mit Mittelohrentzündung frühmorgens im Ärztehaus – nach Hause geschickt, weil kein Termin. Nachmittags durften sie wiederkommen. Insgesamt 6 Stunden Autofahrt mit weiter brüllendem Kind…

    Die sehnen sich dann nach dem deutschen System.

    • dann wollen wir mal:
      – miserable Versorgung auf dem Land. Spezialisten oft nur in den Großstädten – also gehen z.B. die alten Eltern nur einmal im Jahr zum Facharzt und verbinden das mit einem Kurzurlaub in Stockholm“ – was genau heisst miserable Versorgung? Es stimmt, es gibt nicht an jeder Ecke den Facharzt den man gerade haben will, aber braucht man den wirklich? Ich kenne nicht jede Vårdcentral in Schweden, aber bei uns behandeln die Allgemeinmediziner wesentlich mehr Dinge als die in Deutschland. es gibt nicht für alles sofort eine Überweisung zum Spezialisten, braucht es auch in den meisten Fällen nicht. Das mit „gehen z.B. die alten Eltern nur einmal im Jahr zum Facharzt verstehe ich nicht wirklich, die Vorsorge die hier betrieben wird ist um ein vielfaches besser als das was ich in Deutschland erlebt habe und ich sehe keinen Sinn darin einmal im Quartal zum Arzt zu gehen nur weil die Kasse es bezahlt.
      – es wird viel weniger und viel später behandelt als in Deutschland“ – die Lebenserwartung ist höher
      – spezialisierte Kinderärzte sind nur für die schweren Fälle zugänglich“ – das stimmt nicht, schwere Fälle kommen sicherlich zuerst dran, aber was ist daran falsch?
      – extreme Wartezeiten… jüngstes Beispiel: Mutter mit vor Schmerzen die Nacht durchgebrüllent habenden Kind mit Mittelohrentzündung frühmorgens im Ärztehaus – nach Hause geschickt, weil kein Termin. Nachmittags durften sie wiederkommen. Insgesamt 6 Stunden Autofahrt mit weiter brüllendem Kind… – wie gesagt, ich kenne nicht jede Vårdcentral in Schweden, die ungefähre Wartezeit in der für uns zuständigen ist 15 Minuten. Die automatische Terminvereinbarung klappt wunderbar, hat man was akutes kommt man sofort dran. Natürlich ist es so, das Schweden ein Land der weiten Entfernungen. Die durchschnittliche Bevölkerungsdichte ist 20 Menschen pro Quadratkilometer (ganz Schweden, Ballungsgebiete eingerechnet), Deutschland hat 229 Menschen pro Quadratkilometer, das limitiert die Möglichkeiten der Versorgung und das sollte man sich bewusst machen bevor man dorthin zieht…

  5. „das sollte man sich bewusst machen bevor man dorthin zieht“ – Oh. nein, die Freunde, von denen ich rede, sind alle dort geboren. Nord- und Mittelschweden – und seit einer von denen mal ein paar Jahre in Deutschland gelebt hat, sehnen sie sich nach dem deutschen Gesundheitssystem. Z.B. nach der Möglichkeit, sich den Arzt auszusuchen. Kinder-Vorsorgeuntersuchungen durch spezialisierten Kinderarzt. Vielleicht sieht es in Västerbotten auch besonders mau aus, aber Versuch, für ein zweijähriges noch nicht laufendes Kind einen Arzttermin zu bekommen, endete damit, dass nach etlichen Bemühungen ein Termin im kommenden Jahr in Aussicht gestellt wurde.
    Ich kann’s nicht beurteilen, da ich nur das deutsche System kenne (und hier jammern ja auch alle und ich bin recht zufrieden) – mir fällt nur die Diskrepanz auf (auch beim Schulsystem übrigens) – hier das dortige hochgelobt, dort das hiesige bewundert.
    Ich kann die jammernden schwedischen Freunde ja mal bitten, selbst hier zu kommentieren, könnte evtl spannend werden.


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