Verfasst von: Patrick | 2010/06/29

Spiess umdrehen deluxe

Meine Lieblings-Gynäkologin Josephine hat in einem ihrer letzten Artikel einen sanften Seitenhieb in Richtung Anästhesie losgelassen und den will ich natürlich nicht so stehen lassen, zumal einige der Kommentare in die gleiche Kerbe hauen. Es geht um Notsectios, also um Kaiserschnitte wenn es wirklich um Leben und Tod geht.

In meinem Klinikum funktioniert das folgendermassen: Hat sich der amtierende Obstetriker zum Entschluss „Notsectio“ (heisst hier „katastrofsnitt“ oder „urakut snitt“) durchgerungen, drückt er auf den „Notsectio-Knopf“. Das ist ein physisch existierender Alarm-Button von dem es im Kreisssaal mehrere gibt. Dieser löst automatisch alle relevanten Piepser mit der Botschaft „SNITT 1“ aus und dann rennt man los. Hier habe ich schonmal darüber geschrieben. Wie Josephine schon geschrieben hat gibt es in so einem Fall also keine Telefongespräche in denen diskutiert oder hinterfragt wird, es wird gerannt. Die „Knopf-bis-Kind-draussen-Zeit“ wird dokumentiert und bei überschreiten einer Grenze wird nachgekuckt woran es gelegen hat.

Die akuten oder dringlichen  Sectios sind das Problem, also die bei denen es schnell gehen soll, die aber nicht JETZT sein müssen. Natürlich glaube ich Josephine, dass es bei ihr so zugeht wie sie es schreibt, ich habe selbst schon in einer Klinik gearbeitet in der es seitens mancher Anästhesie-Oberärzte absolut üblich war jeden Blödsinn zu diskutieren (why does a dog lick his balls?), aber ich möchte dennoch darstellen wie es sich für mich gelegentlich darstellt wenn „meine“ Gynäkologen anrufen:

03:27h

Ich werde angepiepst, die Nummer des Kreisssaals, nicht verwunderlich um diese Zeit, wahrscheinlich will eine Schwangere nach gefühlten tausend Stunden Wehen einen PDK haben.  Aber nein, als ich zurückrufe meldet sich nicht die Hebamme sonder der diensthabende Gynäkologe und fragt was wir gerade machen. Ehrlich wie ich bin gebe ich zu, dass wir seit einer Stunde in der Neurochirurgie fertig sind und nichts ansteht (dass ich gerade eingeschlafen war lasse ich weg). Das sei gut, er hätte da vielleicht was für uns. Meine Frage ob ich kommen soll wird verneint, er wolle erst nochmal kucken. Ja, vielen Dank auch…

03:52h

Es piepst wieder. Ich liebe Etappen-Schlafen. Er teilt mir mit, dass sich nicht soviel tun würde… aha, und? Das heisst was? Er denkt über eine Sectio nach… oh Danke, dass ich daran teilhaben darf! Wie schnell wir im Saal sein könnten ohne dass er den Not-Knopf drückt, will er wissen… HÄH? Schütteln wäre jetzt wohl angebracht, aber da wird es mir zu blöd und ich frage todesmutig: Was jetzt? Sectio oder nicht? Schweren Herzens fällt am anderen Ende der Telefonleitung der Entschluss zum Schnitt. Nächste Frage: Wann? – Naja, hmmm, nochmal kucken, kann ja sein… aaaaaaaaahhhhhhhhhh!!! Du Arsch hast mich gerade nach 10 Minuten Schlaf geweckt um mir jetzt Deine Gedanken in Echtzeit zu präsentieren? Gehts noch??? WANN? Als würde es ihm körperlichern Schmerz bereiten presst er ein „in 15 Minuten“ hervor. Zur Strafe darf er selbst das OP-Team anrufen und die gute Nachricht verkünden. Glücklicherweise weiss ich, dass die Patientin einen PDK hat, weil ich ihr den vor acht Stunden selbst reingeprokelt habe. Ich hechte also in den OP, ziehe mir unseren „esmussmitPDKschnellgehen-Cocktail“, bestehend aus Xylocain, Fentanyl und Bikarbonat, auf und sprinte in den Kreisssaal wo ich die Spritze gerade noch vor Abfahrt in den OP in den PDK drücke. Acht Minuten später ist die gute Frau bis Th 6 betäubt, gewaschen und abgeklebt und dann warten wir zehn Minuten auf den Operateur… manche Menschen gehören öffentlich ausgepeitscht und dann mit Sterilium übergossen, aber echt…

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Responses

  1. *ggg*
    aber du weißt schon, daß ICH weiß das nicht alle betäuber gleich sind, wenn ich schimpfe, gell?… :))

    • klar weiss ich das, aber jetzt haben wir es für den Rest der Welt auch nochmal klargestellt 😉
      Vielleicht sollte ich noch anfügen, dass es bei uns auch ganz tolle Gynäkologen gibt, ehrlich…

  2. und wir Pädiater freuen uns auch immer sehr, wenn wir VOR Patient, Anästhesie und Gyn im Saal sind, weil der diensthabende Gynäkologe mit der internen SMS Funktion für Notsectio nicht klar kommt und allen außer uns Bescheid gesagt hat, dass man erst so in 20-30 Minuten anfangen wolle….

  3. Weiss nicht warum ich gerade das Ende so schön fand….der Gedanke von wegen Peitsche und dann Sterilium^^

  4. Überall das gleiche… 😉

  5. lol Ich kenne da auch so ein paar Kandidaten für die Auspeitschen und Sterilium-Nummer

  6. ich wäre erleichtert, mal von guter Teamarbeit zu lesen. Man kriegt den Eindruck in Krankenhäusern arbeiten nur Luschen, die sich gegenseitig im Weg rumstehen.
    Is natürlich nicht so, kann ja gar nicht!
    Aber irgendwie…

  7. Also die Steriliumdusche nach Auspeitschen werde ich mir merken… tja, Teamarbeit ist toll, wenn sie funktioniert! Was das angeht, ist eine Notsectio anscheinend besser, wenn auch nur in dem Sinne, daß wenigstens jeder das macht, was er soll, wann er soll, und ohne Geschwafel.

  8. Warum Bicarbonat ?!? *irgendwieaufderleitungsteh*

    • Es gibt Studien die für bestimmte Lokalanäthetika einen schnelleren Anschlag nach Alkalisierung zeigen.


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