Verfasst von: Patrick | 2010/10/07

Fucked by Statistik

So, wie war das nun mit der Statistik und der Fortsetzung meines letzten Beitrags?

Vor mir liegt eine blasse, alte Dame im Krankenhausbett. Wir kennen uns seit dem Narkosegespräch, als ich ihr die Narkose für ihre grosse Bauch-OP erklärt habe. Sie hat Krebs und nun sollte der raus. Sie war sehr zuversichtlich und voller Motivation. Wegen der Grösse des Eingriffs bekam sie das volle Programm, PDK, Arterie, ZVK, Oesophagusdoppler… der PDK gestaltete sich schwierig, der Rücken, geplagt von Osteoporose und vielen Jahren Arbeit, sträubte sich. Zwei Liquorpunktionen und eine blutige brauchte ich, bis dann endlich der Katheter sass. Die Testdosis schlug gut an, schwierige Punktionen kommen vor, kein Grund zur Sorge und der PDK war absolut indiziert. Der Rest der Vorbereitungen verlief problemlos. Die OP selbst war wesentlich kürzer als erwartet, der Bauch voll mit Metastasen, nichts zu machen. Als sie  im Aufwachraum zu sich kam und es viel zu früh war wusste sie sofort was das bedeutete. Sie war sehr gefasst und strahlte eine unglaubliche Stärke aus. Am späten Nachmittags war Sie bereits zurück auf der Station. Am nächsten Morgen konnte sie  mit leichter Unterstüzung auf eigenen Füssen zur Toilette gehen. Der PDK funktionierte einwandfrei… bis zum Abend. Da erwachte sie aus einem Nickerchen mit furchtbaren Schmerzen im Rücken und ohne Gefühl oder Kraft in den Beinen. Im MRT zeigte sich eine epidurale Blutung in Brusthöhe… FUCK! Not-OP… und jetzt abwarten ob es wieder was wird mit den Beinen…

Und da liegt sie nun, sie weiss dass sie sterben wird, bald… und ich habe ihr die letzten Monate ihres Lebens versaut, irgendwie…  Ich habe tagelang überlegt ob ich etwas falsch gemacht habe, ich habe mit sehr vielen Kollegen gesprochen, ich habe Studien und Statistiken gelesen und kann nur zu einem Schluss kommen: shit happens! Diese Form der Blutung ist eine sehr seltene Komplikation rückenmarksnaher Betäubungsverfahren. Einem Patienten diese Möglichkeit der Schmerzbekämpfung vorzuenthalten wäre unethisch. Ich habe seit dem Vorfall für ähnliche oder identische OPs bestimmt  20 PDK gelegt und würde es immer wieder tun. Ich bin der festen Überzeugung, dass sie den Katheter gebraucht hat und ich nichts falsch gemacht habe, ich konnte nichts dafür…

…und was bringt mir das? Garnichts! Ich fühle mich scheisse… und schuldig, irgendwie…

…und im Krankenhausbett vor mir liegt eine blasse, alte Dame und tröstet mich…

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Responses

  1. Du sagst es, du kannst absolut nichts dafür und hast alles richtig gemacht – und trotzdem kann ich dich verstehen, ich würde mich auch scheiße fühlen… helfen wollen und was schlimmer machen, ist das letzte was man will, und es passiert trotzdem… ich denke an dich

  2. Ich habe es bisher ohne geschafft, aber irgendwann wird es passieren, und man wird sich Gedanken machen, lesen, diskutieren, zweifeln…

    Tut mir leid für dich, aber du eisst, dass du keine Fehler gemacht hast, auch wenn das in diesen Situationen kaum hilft. Mit diesen Kerben müssen wir leider leben.

    PS: Dein letzter Satz ist Gänsehautverdächtig.

  3. Shit happens. Das sage ich als Patient, auch wenn ich mich dazu erst langsam durchringe – Abszesse bilden sich nun mal, Blutungen treten auf wo sie nicht auftreten sollen – man steckt nicht drin.

    Das wird dir nicht das Gefühl nehmen, dass du dich mies fühlst. Aber vielleicht kannst du was positives rausziehen und nimmst das für dich als inneren Marker, nicht zu vergessen, dass was passieren kann und du noch vorsichtiger arbeitest.

    Wohlgemerkt: Vorsichtiger, nicht ängstlicher. Das würde ich dir wünschen.

    Das sind körperliche Eingriffe – und einfach sind die nie, selbst bei „einfachen“ eingriffen.

  4. Fiese Schattenseiten des Medizinertums.
    (Kopf hoch. Irgendwie, und weitermachen.)

  5. Ach Gottchen…
    ich weiß gar nicht, ob ich jemals schonmal bei dir Kommentiert hab, auch, wenn ich schon was länger hier lese… ich würd gern was liebes sagen, die richtigen Worte fehlen mir aber grad irgendwie… In dem Sinne aber, – so ist das Leben, es gibt und nimmt… Scheinbar geht die Dame doch trotzdem mit anmut und Stärke ihren Weg?!

  6. Shit happens – das trifft es gut. Für Dich spricht doch, daß es Dir dennoch nicht egal ist – Du bist eben nicht abgestumpft. Natürlich ist es nicht schön, sich scheiße zu fühlen, aber na ja, das ist der Preis der Menschlichkeit. Wer die Unausweichlichkeit als Entschuldigung sieht, völlig unberührt zu bleiben, macht es sich doch auch zu einfach.

  7. Hui.

    Ich hatte mal einer Mutter eines an Leukämie erkrankten Kindes „in der Einheit“ (zur Knochenmarktransplantation) geraten, sich zum Essen doch 10 Minuten raus zu begeben, ihr Mut zugesprochen, dass das Kind das kurze Alleinsein „packen“ würde (das 5 jährige Kind war 24/7 betreut und tolerierte Alleinsein absolut nicht).
    Es war abends, Praktikanten oder Zivis längst zuhaus und ich musste 24h-Infusionen mischen, es konnte also niemand beim Kind sitzen für diese 10 Minuten.
    Im Patientenzimmer war der Fernseher an und auch die Viedeoüberwachung im Schwesternzimmer.

    To make a long story short: ich rannte beim ersten Heulgeräusch des Kindes, das mir seltsam nah an meinem Ohr vor kam, weg vom laminar airflow und erblickte das Kind AUF DEM STATIONSFLUR stehend und weinend – und heftigst blutend – Hickman war zur Hälfte rausgerissen (ganz nett!) Ich erspare weitere Details, letztlich ging alles gut, alle gingen mit ein paar Nervenbündeln weniger nachhaus – aber trotzdem – und deswegen schrieb ich das alles jetzt: ich hatte schon arg dran zu kauen. Immerhin war ICH es, die der Mutter zusprach, das Kind mal für ein schnelles Abendessen „allein“ zu lassen. Und ich weiß natürlich, dass die Entscheidung der Mutter ihre eigene war, und dass eine derartig heftige Reaktion von seiten des Kindes nicht abzusehen war… trotzdem. Ich war das ausschlaggebende Pendel, irgendwie.

    Und Hut ab vor der Dich tröstenden, blassen alten Dame. Muss eine tolle Frau sein 🙂

  8. Der Titel trifft es ganz genau. Es ist absolut zu wünschen, daß man der Statistik entkommt, leider ist es unwahrscheinlich. Sch..Statistik.
    Man entkommt ihr nirgends. Als Mutter kann es tödlich sein, die falschen 2 Minuten auf dem Klo gewesen zu sein. Als Arzt, eine Behandlung durchgeführt zu haben – oder auch nicht.
    Wie du in deinem Beitrag beschreibst, wie du mit der Situation umgehst – das klingt für mich nach einem guten Weg.
    Und die allerbesten Wünsche und tiefen Respekt an die alte Dame – nicht viele haben die Größe es zu akzeptieren, daß ihnen die Statistik ein Bein gestellt hat.

  9. […] ja eher etwas unterentwickelt. Fehler werden nicht nur nicht akzeptiert, auch nicht respektiert. Patrick von “HellimHals” beschreibt einen seiner aktuellen Fehler, die Horrorvorstellung eines jeden Anästhesisten, bei mir gab es Gänsehaut. Patrick, Kopf hoch, […]

  10. Schei**e!!!
    und obwohl es uns unterbewußt eigentlich immer klar ist, das es schlußendlich auch mal gehörig schief gehen kann (schließlich klären wir doch tagtäglich patienten über die risiken und nebenwirkungen unseres ärztlichen handels auf) hoffen wir insgeheim doch immer, daß der kelch an uns vorüber gehen möge… 😦

  11. […] Tage bin ich über diesen Artikel meines Auswandererkollegen Patrick gestolpert: bei einer alten Dame war es nach Spinalanästhesie zu einer folgenschweren […]

  12. hey patrick, ich hoffe es ist okay, daß ich deinen artikel (samt überschrift) noch einmal in meinem blog aufgenommen habe. aber ich fand ihn so eindrücklich und nachdenkenswert, daß ich ihn nicht einfach unkommentiert stehen lassen konnte und wollte!

    • Absolut okay! Vielen Dank fürs Lob!

      (mein Titel war übrigens absichtlich Englisch/Deutsch, mir ist jetzt erst aufgefallen, dass man das als Schreibfehler interpretieren könnte…) 🙂

  13. Oha,
    klingt ja übel. Ist schon doof, wenn man weiß, dass man alles richtig gemacht hat, was man gemacht hat. Und das es trotz alledem schief gelaufen ist.

    Aber das ist auch mein Horror als Patient. Das Murphy ausgerechnet bei mir zuschlägt. Aber das ist eben die Statistik.

  14. Huhuhuhu,

    ich bin über Heldin um Chaos auf Ihren Blog gestoßen und ungemein begeistert.
    Leider bin ich absolute Leihe und verstehe nur die Hälfte, tozdem ist es sehr spannend, was und wie Sie schreiben.
    Gerne würde ich Sie in meinem Blogroll aufnehemen!

    Wenn Sie gestatten. Vielen lieben Dank.

    Lindschgen

    • Selbstverständlich! Kein Problem…

  15. G Ä N S E H A U T

  16. […] Tage bin ich über diesen Artikel meines Auswandererkollegen Patrick gestolpert: bei einer alten Dame war es nach Spinalanästhesie zu einer folgenschweren […]


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