Verfasst von: Patrick | 2010/10/26

der Kalle…

Ich mag Kalle, wirklich… der ist grade heraus, der kennt die Tricks und lässt sich nichts vormachen. Aber jetzt hat er mal so richtig dummes Zeug gequatscht. Kalle meint es sei unfair Deutschland den Rücken zu kehren, weil man einerseits die eigenen Kollegen im Stich lässt und zum anderen nur dafür sorgt das andere woanders jemandanderen im Stich lassen. Ist das so? Muss man sich als Arzt zu Gunsten des grossen Ganzen aufopfern? Muss man als Arzt wirklich ein schlechtes Gewissen haben wenn man auch an sich selbst denkt? Meine Erfahrung ist, dass es einem nicht gedankt wird wenn man sich selbst hinten anstellt. Man reisst sich den Arsch auf, biegt sein Privatleben immer für die Klinik hin und her und wird jeden Tag genervter. Was hat man davon? Nichts! Der Freizeitausgleich ist ein Witz, vernünftige Aus- und Weiterbildung eine absolute Seltenheit und das System in dem man arbeitet bröckelt, rostet und stinkt. Anregungen, Forderungen und Veränderungsbedarf werden in der Regel mit „kein Geld“ oder „kein Personal“ quittiert. Was muss denn passieren, damit sich etwas ändert? Es müssen ausreichend Ärzte das Handtuch werfen und den Politikern und Verwaltungsheinis deutlich machen, dass sie ihren Scheiss alleine machen können. DAS ist die einzige Sprache die in diesen Ebenen verstanden wird.

Es gibt sie sicherlich, die glorreichen Ausnahmen, die echten Perlen der Medizin, aber sie sind selten und ich habe sie nicht erleben dürfen. Klingt das verbittert? Schon, aber das wäre nur schlimm wenn ich keine Konsequenz gezogen hätte. Ich bin weg und komme nicht wieder. Deutschland hatte seine Chance und hat sie vergeigt. Ich habe jetzt ein richtiges Familienleben, ich gehe wirklich gerne zur Arbeit, meine Ausbildung bis zum Facharzt war strukturiert, mein Leben nach dem Facharzt ist geregelt und ich verdiene als Jungfacharzt soviel wie ein Oberarzt (lt. Tarif) in Deutschland. Ich trage Verantwortung und meine Meinung wird geschätzt. All das hatte ich in Deutschland nicht. Ich bin mir nicht sicher, ob meine Familie an den Bedingungen, unter denen ich zuletzt gearbeitet habe, nicht zerbrochen wäre.

Also Kalle, bin ich wirklich unfair… ?

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Responses

  1. Sie beweisen ja, daß ein anderes System funktioniert. Unausgesprochen wird einem in Deutschland vermittelt, daß ein anderes Gesundheitssystem nicht finanzierbar wäre. Trotzdem bin ich zwispältig. Mir ist klar, daß auf lange Sicht niemand was davon hat, wenn sich Individuen aufopfern. Auf der anderen Seite war ich froh, daß sich nach monatelanger Suche ein Facharzt für Schmerztherapie gefunden hat, der meine Mutter im Heim betreut.

    • ich will keinesfalls falsch verstanden werden, Schweden ist nicht das gelobte Land. Auch dieses System hat viele Fehler und Probleme, aber es passt besser zu meinem Leben. Viele meiner schwedischen Kollegen sehen das völlig anders…

      • wohin wandern dann die Schweden aus?
        Das „perfekte“ System wird es nicht geben, man kann nur versuchen aus den ganzen verschieden, das für sich beste zu finden. Wobei aus meiner Sicht Geld nicht alles ist, was bringt es mir Geld anzuhäufen ohne Ende, aber keine Freizeit, Zeit für Famile/Freunde zu haben?

  2. Die Antwort erinnert mich ein wenig an die Diskussionen, die im Sommer 1989 in der damaligen DDR geführt worden sind (nein, war nicht dabei!). Die einen sind gegangen weil sie gesagt haben, das System ist nicht reformierbar – das Ergebnis ist bekannt.
    Die anderen sind geblieben. Einige aus Bequemlichkeit, einige, weil sie gehofft hatten, vielleicht so etwas wie eine „Richtig demokratische Republik Ostdeutschland“ aufzubauen.
    Was wäre, wenn sie sich durchgesetzt hätten?

    • Das ist eine berechtigte und gute Frage. Ich hatte keine Zeit um auf „was wären wenn…?“ zu warten. Ich hatte/habe drei kleine Kinder und die waren mir wichtiger als die Visionen eines Krankenhausverwaltungschefs. Ich finde es klasse, das Du diesen Ball ins Rollen gebracht hast. Ich will nicht so wirken als wolle ich mich verteidigen, ich dachte einfach nur, man müsste Kalles Position etwas „aufweichen“…

  3. Mein Mann arbeitet in einem ganz anderen Berufsfeld. Er hatte aber die genau gleiche Ansicht. We are a lot better of in the States. Why would we put our family through a lower living standard in Germany? Man hat dann nicht mehr fuer sich selbst zu entscheiden, sondern auch fuer eine ganze Familie. Soll der Kampf fuer eine Veraenderung auf Kosten unserer Kinder gehen. Fuer mich ist die Antwort klar: No, Thanks.

  4. mit der frustration kann ich gut verstehen. arbeite seit knapp 4 jahren hauptamtlich im rettungsdienst. ich habe seit einigerzeit mit erschrecken bei mir selber die abgestumpftheit feststellen dürfen. mir ist es mittlerweile egal was der pat hat. vor einiger zeit sah das noch anders aus. kleinigkeiten werden immer wichtiger als der ursprünglich job. es frustriert einen einfach, wenn man sich mühe gibt und alle anderen das mit füßen treten, da sie schon längst resigniert haben. bei patientenübergaben hört keiner zu. es heisst nur noch lapidar leg ihn mal dahin… kollegen und anderes medizinisches personal pöbelt patienten an oder geht lieber rauchen, als sich um die neuaufnahme zu kümmern. mich kotzt das an. wenn man mal neue standards umsetzen will wird man nur müde belächelt und der eigentliche job, nähmlich für den patienten dazu sein und ihn nach neuesten wissenschaftlichen erkenntnissen zu behandeln interessiert keinen. mich kotzt das einfach nur noch an…..

  5. nein, dass schwedische Gesundheitssystem ist alles, aber sicherlich nicht perfekt..woher ich dies weiss? Ich lebe selber seit über 3 Jahren in diesem wunderbaren Land mit vielen starken Seiten und einen, hüstl…, stark verbesserungswürdigen Gesundheitssystem. Möchte hier aber betonen, es liegt nicht an den Ärzten, sondern viel mehr am Ärztemangel, denn hat man erstmal einen Doc vor sich, dann sind diese unglaublich nett, nehmen sich viel Zeit und strahlen diese gewissen Ruhe aus, die einem bei deutschen Ärzten so fehlen. Leider ist es, zumindest in meinem kleinen Örtchen/mittlere schwedische Kleinstadt so, dass man erstmal einen Termin bekommen muss, damit man auch einen Arzt zu sehen bekommt. Dies ist mir die letzten Male tatsächlich sofort geglückt, aber die Gründe waren auch erdrückend und nachvollziehbar: eine lunginflammation heilt nunmal mit Alvedon nicht ab.
    Und warum sollte man nicht, wenn man in einem anderen Land Beruf und Familienleben besser vereinbaren kann, dazu vielleicht noch 2-3 SEk mehr verdient nicht den Schritt wagen..dies waren auch unsere Gründe.
    Grüsse aus 08 😉

  6. Hey, ich bin Krankenpflegeschüler in Deutschland aber auch schon einizge Zeit dabei.

    Vor meiner Ausbildung hab ich mein FSJ gemacht und stumpfte nach einem Jahr wirklich starker Arbeit auf der geriatrisch Inneren total ab.
    Ich hab in diesem Jahr unzählige Leichen in die Leichenhalle gebracht und merkte erst gegen Ende wie wenig es mir noch ausmachte Leute sterben zu sehen. Das hat mich persönlich sehr erschrocken…

    Nach einer kurzen Auszeit vor der Ausbildung hatte ich Zeit mich wieder mit mir und den Menschen zu beschäftigen und bin nun wieder sehr viel menschlicher geworden.

    Früher hieß es doch immer der größte lohn in der Krankenpflege sei ein Danke.
    Ich find diesen Ausspruch nichtmal verkehrt, denn ich find, so ausgesprochen selten diese momente sind, ein Danke zeigt einem wieder warum man so einen Beruf gewählt hat…

    Bei euch Ärzten wird es wohl kaum anderst sein und das fehlt mir in Deutschland auch sehr.

    Ich werd nach der Ausbildung auch Auswandern, wohin weiss ich noch nicht aber in Deutschland ist es im Sozialen Bereich nicht auszuhalten…

    Ich bin noch jung und es hängt keine Familie an mir aber irgendwann wird auch das sein und für den Fall will ich doch schon vorsorgen und ich kann dich und deine Aussage vollstens verstehen.

  7. Patrick, du hast deinen Platz gefunden und das freut mich. Deutschland wird sich nie ändern, solange es Kalles gibt…

  8. […] Patrick sieht das anders. Er fühlt sich nicht für die Misere des deutschen Gesundheitswesens verantwortlich. Er ist mit seiner Familie nach Schweden ausgewandert, weil er dort mehr Lebensqualität, bessere Arbeitsbedingungen und (vielleicht auch) mehr Geld gefunden hat. […]


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