Verfasst von: Patrick | 2010/12/16

der Migrant als solcher…

Einer der Grossen in der Blogwelt von wordpress, kinderdok von kids and me 2.0, hat in seinem letzten Artikel über seine Ansicht zum Thema Spracherziehung geschrieben. Er ist der Meinung, dass Eltern, die einen anderen Sprachhintergrund als Deutsch haben, so etwa ab dem dritten Lebensjahr vermehrt Deutsch mit ihrem Kind sprechen sollen, da dies ja die Sprache ist, die im „umgebenden Kulturkreis“ gesprochen wird. Scheinbar gibt es hierzu sogar eine Empfehlung der deutschen Kinderärzte, aber die Quellenangabe dazu ist uns der Autor bisher leider schuldig geblieben und ich habe im Internet nichts gefunden, aber vielleicht postet er ja noch etwas.

In den Kommentaren haben sich dann einige Sprachwissenschaftler zu Wort gemeldet und deutlicher Kritik an kinderdoks Aussage geübt. Zu Recht wie ich meine. Spracherziehung und Sprachentwicklung sind zwar Teil der pädiatrischen Ausbildung, schliesslich soll der Kinderarzt ja die altersgerechte Entwicklung eines Kindes beurteilen können und bei Problemen fachgerechte Hilfe vermitteln. Die Sache mit der mehrsprachigen Erziehung allerdings… ich denke da ist das Ende der ärztlichen Kompetenz erreicht. Sollte es diese Empfehlung wirklich geben, wiederspricht sie allem was ich bisher zu diesem Thema gehört und gelesen habe und wir haben uns, aus nachvollziehbaren Gründen, eingehend damit beschäftigt.

Meine Töchter waren sechs, vier und ein Jahr alt als wir nach Schweden „migriert“ sind. Nun denkt die Mehrzahl der Deutschen bei „Migrationshintergrund“ sicherlich an beispielsweise Kinder türkischer Eltern, aber wir gehören auch dazu, meine Kinder haben einen „Migrationshintergrund“. Vor zwei Jahren konnten sie keine Silbe Schwedisch, zwei Tage nach unserem Umzug haben sie im Kindergarten bzw. in der Schule angefangen, nach drei Monaten konnten sie Schwedisch, ob akzentfrei oder nicht weiss ich nicht. Jetzt, zwei Jahre später sprechen sie perfekt, ohne Akzent, ohne Fehler. Sie sind anhand ihrer Sprache nicht von den hier geborenen Kindern nicht zu unterscheiden, abgesehen von einer Sache: sie sprechen auch perfekt Deutsch, zumindest die beiden Grossen. Unsere Jüngste spricht fliessend die Sprache des „umgebenden Kulturkreises“ und obwohl wir zu Hause ausschliesslich Deutsch sprechen hat der Kindergarten gewonnen und ihre „eigentliche“ Muttersprache fristet ein Einzelwort Dasein. Aber egal, die Grossen sprechen beide Sprachen als Muttersprache und unser Zwerg wird dies genauso tun.  Unsere Älteste kann in beiden Sprachen lesen. Natürlich kann ich nicht sagen, ob diese Entwicklung purer Zufall ist oder Folge der Empfehlungen an die wir uns gehalten haben. Nämlich die Ansage von sowohl Schule als auch Kindergarten, zu Hause strikt Deutsch zu sprechen, damit unsere Mädels diese Sprache behalten bzw. lernen. Ich glaube letzteres, beweisen kann ich es nicht…

Was mich an kinderdoks Artikel eigentlich gestört hat, war die Aussage es sei den Erzieherinnen und Erziehern im Kindergarten gegenüber unfair ihnen alleine das Beibringen der zweiten Sprache zu überlassen. Genau da liegt das Problem. Es ist vielmehr die originäre Aufgabe des Kindergartens und der Schule genau dafür zu sorgen. Es ist nicht der Fehler der Eltern, wenn die Kinder die jeweilige zweite Sprache nicht lernen, wie soll ein Mensch, der eben diese Sprache nicht zur Muttersprache hat das leisten? Antwort: Garnicht! Es ist der Fehler Deutschlands die Menschen in Kindergärten und Schulen mit diesem Problem alleine zu lassen. Es ist eine Art Grundeinstellung in Deutschland zu sagen: „Wer hier lebt, soll gefälligst Deutsch sprechen!“ – Aber wie soll das funktionieren? Es gibt keine Infrastruktur, es gibt überall zu wenig Personal und dieses Personal ist auch nicht dafür ausgebildet. Deutschland gibt 4,8% des Bruttoninlandprodukts für Bildungs aus, Finnland, das an Platz 1 in Europa steht was die Bildung betrifft 7,8%. Würde Deutschland 3% mehr für Bildung ausgeben, wären das zusätzliche 76 Milliarden Euro. Das Schlimmste aber ist, dass es wenig oder kein Interesse daran gibt Menschen aus anderen Ländern als Bereicherung zu sehen, zu akzeptieren, dass man voneinander lernen kann und dass Integration nichts ist was vom Himmel fällt. In Schweden haben Kinder bei denen ein (oder beide) Elternteil eine andere Sprache spricht Anspruch auf Muttersprachenunterricht. Das bedeutet, dass meine Töchter Deutschunterricht in der Schule bzw. im Kindergarten haben damit sie keinesfalls Deutsch verlernen. Was das betrifft befindet sich Deutschland in der absoluten Steinzeit und nichts, absolut garnichts deutet darauf, dass sich das irgendwann ändern wird. Schade…

Artikel zum Thema bei spiegel.de

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Responses

  1. Ich finde eigentlich Kommentare nicht so gut, in denen es heißt „Finde ich auch!“. Hier muss ich das aber mal schreiben. Deine Zeilen finden meine absolute Zustimmung.

    Wir haben ein ähnliches Problem hier bei uns im hohen Ostfriesland. Plattdeutsch ist allgemeine Muttersprache. Hochdeutsch ist eine Fremdsprache, die die Kinder erst im Kindergarten lernen. In der Regel sprechen alle Kinder fehlerfrei Hochdeutsch in der Schule und viele miteinander und mit ihren Eltern Platt – ebenso frei von Fehlern.

    Wenn mich die Eltern fragen, was sie mit ihren Kindern sprechen sollen, dann empfehle ich immer Platt, das können sie fehlerfrei sprechen. Beim Hochdeutschen sind die Eltern unsicher und machen Fehler, die sich auf ewig den kleinen Hirnen „einbrennen“.

    (Plattdeutsch ist übrigens hier eher dem Holländischen zu vergleichen und hat nix mit Heidi Kabel oder so zu tun – komplett andere Grammatik, weitgehend anderer Wortschatz als das Hochdeutsche, nur einige Worte klingen ähnlich.)

    Verschiedene Studien haben gezeigt, dass zweisprachig aufgewachsene Kinder eine höhere Sprachkompetenz im Erwachsenenalter aufweisen als einsprachig aufgewachsene.

  2. Volle Zustimmung von mir. Wir leben ebenfalls in Schweden, Stockholm, unsere Kinder bekommen beide Muttersprachenunterricht in Schule und Dagis. Hauptsprache zuhause ist Deutsch, Hauptsprache in Dagis und Schule ist schwedisch. Was viele nämlich vergessen ist die Tatsache, dass Kinder schneller die Muttersprache verlernen als manch einer denkt. Zumal die Kinder von anderen Kindern und/oder Lehrern/Fröken Schwedisch besser lernen als von den Eltern, die nicht immer perfekt sprechen. Also seinen Kindern lieber richtiges Deutsch in Wort und Schrift beibringen, als falsches Schwedisch…
    Grüsse aus 08
    JANA

  3. Günter Schütte schreibt über Ostfriesland: „In der Regel sprechen alle Kinder fehlerfrei Hochdeutsch in der Schule“ und „Beim Hochdeutschen sind die Eltern unsicher und machen Fehler, die sich auf ewig den kleinen Hirnen „einbrennen“.“

    Oha?! Die Kinder sprechen fehlerfrei Hochdeutsch aber die Eltern (also die Ostfriesen die zwischem 1980 und 1990 geboren sind) können das nicht? Das wirft aber ein schlechtes Licht auf den deutschen Nordwesten …

    • Warum wirft das ein schlechtes Licht? Meines Erachtens ist dies nur ein Indikator, dass das Plattdeutsche leider langsam verschwindet.

      Die Eltern sind sicher im Plattdeutschen, unsicher oft im Hochdeutschen. Platt war früher noch weiter verbreitet.

      Die Kinder heute haben oft schon Spielkameraden, die n u r Hochdeutsch sprechen.

      Übrigens: Eltern gibt es nicht nur in der Zeitspanne Geburtsjahrgang zwischen 1980 und 1990.

  4. Zumindest teilweise gab es das mit dem Muttersprach-Unterricht auch mal in Deutschland:
    An der Grundschule, die ich besuchte, gab es Griechisch-Unterricht für griechischstämmige Kinder.

    Allerdings wurde das m.W. dann irgendwann mangels Nachfrage eingestampft.

  5. Auch mir sprechen Patricks Aussagen aus der Seele.
    Ergänzend würde ich noch hinzufügen: Die Vorstellung von kinderdoc & Co, Sprache würde den Kindern von Kindergärtnerinnen beigebracht, ist verfehlt. Kinder lernen spielerisch (und viel besser) von anderen Kindern, dies hat die Entwicklungspsychologie längstens erkannt und dies führt zu einer anderen deutschen Misere. Die nicht nur katholische Vorstellung vom Ideal einer Mutter-Kind-Diade kann je nach Verfasstheit der Mutter ziemlich verhängnisvolle Auswirkungen auf die (Bildungs-)Entwicklung des Kindes haben. Schweden ist da mit seinem frühen Kindergarten-Vorschule-Modell vorbildlich und es wird allerhöchste Zeit für uns, hier endlich wirksam nachzueifern.

    Mein Tip für Interessierte: Gerd Scobel hat zum Thema eine spannende Sendung gemacht: „Wie kommt der Mensch zur Sprache“ vom 5. April 2007. Auf der Homepage finden sich im „delta“-Archiv interessante Links und Literaturhinweise sowie knappe Artikel zur Einführung, u.a. auch zum Thema „Spracherwerb und Migration“.

    • sorry, aber das war nicht meine meinung, dass sprache den kindern durch kindergärtnerinnen beigebracht wird, sondern das war die meinung der mama in meinem artikel.
      als kinderarzt ist es mir völlig klar, dass kinder am meisten von anderen kindern lernen – da können wir erwachsene gar nicht mithalten.

      aber setz dich mal mit erzieherinnen zusammen – was die momentan an sprachförderung und sprachstandserhebungen aufgebrummt bekommen – die armen.

      • Da haben wir uns missverstanden und ich mich eventuell schlecht ausgedrückt. Du hast geschrieben, dass Du es unfair findest das Beibringen der Sprache auf den Kindergarten abzuwälzen. Das ist einerseits natürlich richtig, da Kindergärten in Deutschland das weder personell noch logistisch leisten können. Andererseits, und das ist meine Meinung, muss genau da mit dem Unterricht begonnen werden, das ist das grosse Versäumnis Deutschlands. Den Beweis dafür, dass das funktioniert habe ich in dreifacher Ausführung zu Hause sitzen. Besser so?

      • Ja, die armen Kindergärtnerinnen. Da hätten wir das nächste Problem: in den erfolgreichen PISA-Ländern ist Erzieherin ein akademischer Beruf. Ich will mich hier überhaupt nicht despektierlich über Kindergärtnerinnen äußern, es ist ein strukturelles Problem. Aber auch hieran sieht man wieder einmal, was man in Deutschland von Kindern hält.
        Wollte man diesen Zustand ändern, würde man Jahre benötigen, bis die entsprechenden Fachkräfte ausgebildet sind, da fängt man wohl besser gar nicht erst an.

  6. Ich bin Halbitalienerin, mein Sohn Viertelitaliener 🙂 . In meiner Kindheit und Schulzeit in einem hessischen Dorf war ich die einzige „Ausländerin“ weit und breit. Und hatte unter meinen Mitschülern keinen leichten Stand. Muttersprachlichen Unterricht gab es damals noch nicht. Zu Hause haben wir ausschließlich italienisch gesprochen. Ich war trotzdem – oder deshalb – immer die Beste im Deutschunterricht, und ich habe mich auch bei den weiteren Fremdsprachen, von Latein über Englisch und Französisch zu Russisch sehr leicht getan. Mit meinem Sohn habe ich konsequent nur Italienisch gesprochen, bis heute, er ist 18. In Krippe, Kiga, Schule sprach und spricht er Deutsch. Selbstverständlich ging er ab der 1. Klasse in den muttersprachlichen Ergänzungsunterricht, einen Service der Landeshauptstadt München, in dessen Genuss neben Italienern auch Kroaten, Bosnier, Serben, Griechen usw. kommen. Er war dort übrigens mit Abstand der Beste, besser als „Vollitaliener“, die mit ihren Kids daheim nur Deutsch sprachen….

    Deutschland ist, was die Förderung der Muttersprache bei Migranten betrifft, kein Hinterwäldlerland. Im Gegenteil. Mehr und striktere Förderung des Deutschen ist es, was fehlt. Und vielen Migrantenkindern die Chancen auf einen erfolgreichen Schulabschluss und einen Start ins Berufsleben verbaut!!

    Viele Grüße aus München von Mariebastide – http://www.mariebastide.wordpress.com

  7. Wie habt ihr Erwachsenen denn die Sprache gelernt und merkt man jetzt noch große Unterschiede zu den Einheimischen? Man bekommt doch sogar sprachschulische Unterstützung vom Arbeitgeber, oder?

    Dein Blog toll! Mach weiter so!

  8. Da bin ich ganz Deiner Meinung, die ich (verspaetet) beim
    Kinderdok ausfuehrlich geaeussert habe – auch von unseren
    Erfahrungen (wir sind fuer ein paar Jahre nach Amerika „migriert“).
    Auch meine 3 Kinder sind beste Beispiele fuer das erfolgreiche
    Erlernen einer zweiten „Muttersprache“ – hauptsaechlich durch die
    Unterstuetzung von Schule/Kindergarten. Wir als Eltern haben auch
    davon profitiert. Mittlerweile kaempfen wir gegen das Verblassen
    des Deutschen bei unseren Kindern. Ich glaube, man sieht so eine
    Sache erst objektiv, wenn man praktische Erfahrungen damit hat. Ich
    habe schon bei sehr vielen Dingent gedacht, dass jeder Deutsche mal
    fuer eine Weile im Ausland als Auslaender – nicht als Tourist –
    leben sollte. Das erweitert das Blickfeld und die Perspektive doch
    erheblich. Beste Gruesse!


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